30 December 2017

Lenins Hirn

Meine Wertung

Das mit Abstand Beste an diesem Roman ist sein Titel, ...

... selbst wenn dieser praktisch nichts mit seinem Inhalt zu tun hat. Es geht in "Lenins Hirn" um das Leben und Wirken des Hirnforschers Oskar Vogt. Manche wohlwollende Rezensenten behaupten, dass der in einundzwanzig Sprachen übersetzte Roman gut recherchiert sei. Voller Rücksichtnahme regen sie an, dass Tilman Spengler besser ein Sachbuch zum Thema geschrieben hätte. Denn eigentlich muss man sich fragen, warum der Autor dieses Buch überhaupt vorgelegt hat, da es ihm nicht einmal ansatzweise gelingt, seine Romanfiguren plastisch und nachvollziehbar in Szene zu setzen. Hat der Leser anfänglich vielleicht noch einen Reiz verspürt, sich mit Oskar Vogt und seiner Zeit näher zu beschäftigen, lässt das rapide nach und erreicht nach mehr als dreihundert Seiten den Nullpunkt. Man gewinnt den Eindruck, dass es Tilman Spengler genauso erging, denn die Sprache beherrscht er zweifellos; was ihm jedoch völlig fehlt, ist die Empathie für seine Romanfiguren. Ganz amüsant beginnt der Roman mit der Ende des 19. Jahrhunderts aufkommenden Neigung des Großbürgertums à la Krupp, sein Heil bei Modeärzten zu suchen. Das alles endet aber in einem geschwätzigen und deshalb völlig misslungenen Versuch eines Sittengemäldes. Der Leser freut sich, dass er am Ende angelangt ist und das Buch aus der Hand legen kann. Der Erkenntnisgewinn ist minimal, der Lesegenuss mäßig.

14 December 2017

Mein Leben als Sohn • Eine wahre Geschichte

Meine Wertung

Ein Muss für jeden Sohn, der einen Vater hat...

...und lesen kann, also potenziell für die Hälfte der Menschheit. "Patrimony", der englische Originaltitel dieser "wahren Geschichte" trifft es genauer, als "Mein Leben als Sohn", denn es geht primär um die Vater-Sohn-Beziehung zwischen Herman und Philip Roth. Dass diese alles andere als konfliktfrei war, erfährt man spätestens, wenn der Autor schreibt: "Er war nicht irgendein Vater, er war der Vater, mit allem, was es an einem Vater zu hassen gibt, und allem, was es an einem Vater zu lieben gibt". Aber für wen ist der eigene Vater schon "irgendein Vater", selbst wenn die Liebes- bzw. Hassanteile individuell sehr verschieden ausfallen? Bei Philip Roth schlägt das Pendel jedenfalls klar zu Gunsten der Liebe aus. Er versteht es wie kaum ein anderer, Liebe und Hass, Rührung und Komik so meisterhaft zu vereinen, dass er niemals auch nur ansatzweise ins Triviale abrutscht. Apropos Komik! Kein Leser wird die filmreife Szene mit dem Konzert des Streichquartetts in der Seniorenresidenz jemals vergessen können. Garantiert! Allein deshalb ist dieses Buch ein Muss, nicht nur für Söhne sondern auch für Töchter!

07 December 2017

Der Oberst hat niemand, der ihm schreibt

Meine Wertung

Es geht um Würde, ...

... genau genommen, um die Würde des Obersten und seiner Frau, die seit Jahrzehnten auf eine versprochene Veteranenpension warten. Hunger und Krankheit treiben sie fast in den Tod; Augustín, ihr Sohn, wurde von den Truppen der gleichen Regierung ermordet, die dem Obersten seine Pension vorenthält. Das alles spielt sich Ende 1956 in der tropisch-feuchten Hitze des namenlosen kolumbianischen Dorfes ab. Für diejenigen Leser, die "Hundert Jahre Einsamkeit" von Gabriel García Márquez kennen, ist "Der Oberst hat niemand, der ihm schreibt" eine Art Dessert; für die anderen, ein literarischer Appetizer.

03 December 2017

În umbra Europei • Două războaie reci și trei decenii de călătorie prin România și dincolo de ea

Meine Wertung

Ein Buch zeigt Alterserscheinungen,...

...sein Autor leider auch! Der Bericht von Robert D. Kaplan erstreckt sich ab dem Anfang der 1980er-Jahre über mehr als drei Jahrzehnte bis in das Jahr 2014. Als der Autor das von dem Ceaușescu-Regime paralysierte Rumänien 1981 besuchte, war er noch keine dreißig, ein junger Auslandskorrespondent aus Israel. Heute zählt er in den USA zu den "Top 100 Global Thinkers" (Foreign Policy) und gilt als angeblich einflussreicher politischer Analyst (New York Times). Tatsache ist jedoch, dass Kaplan seine Offenheit und Sensibilität der frühen Reporterjahre im Verlauf der Jahrzehnte eingebüßt hat. Zunächst interessierte er sich noch sehr für das Land und insbesondere für die Leute. Als arrivierter "Global Thinker" betreibt er fast nur noch Sandkasten-Strategiespiele zur Geopolitik in Osteuropa, wobei die Menschen zum Schluss völlig aus seinem Blickfeld verschwinden. Seine krude, anfangs antisowjetische, später antirussische Propaganda, nervt ebenso wie sein ständiges Herummäkeln an der zugegebenermaßen deprimierenden sozialistischen Zweckarchitektur. Fraglich ist jedoch, ob Kaplans architektonische Vorlieben für Gotik, Renaissance und Klassizismus die realen Wohnungsbauprobleme des 20. Jahrhunderts gelöst hätten, und zwar nicht nur im sozialistischen Lager. Weitere historische Ungenauigkeiten werfen zusätzliche Fragezeichen auf, z. B. die fehlende Unterscheidung zwischen dem nicht anerkannten Staate Transnistrien und dem Gouvernement Transnistrien währen des Zweiten Weltkrieges. Dennoch ist die Lektüre dieses Buches eines durchaus belesenen Journalisten lohnend, vorausgesetzt, dass es nicht die einzige Informationsquelle über Rumänien und die Region bleibt.

19 November 2017

Levins Mühle • 34 Sätze über meinen Großvater

Meine Wertung

Zeit für eine Wiederentdeckung

Levins Mühle, der erste der beiden Romane von Johannes Bobrowski, lieferte die literarische Vorlage für eine Oper, uraufgeführt in Dresden 1973, und eine DEFA-Verfilmung aus dem Jahr 1980. Doch der Roman selbst scheint in Vergessenheit geraten zu sein. Völlig zu Unrecht, denn gleichsam eines Magiers lässt Bobrowski die multiethnische Gesellschaft in Westpreußen im Jahr 1874 entstehen, zusammen mit dem darin fest verwurzelten Antisemitismus. Lyrische, musikalische, folkloristische und mythische Elemente finden Eingang in die humorvolle Prosa des Autors. Es ist daher nicht verwunderlich, dass Bobrowski - als Mitglied und Preisträger der Gruppe 47 - zahlreiche zeitgenössische Autoren tief beeinflusst hat. 1962 gründete Bobrowski gemeinsam mit Manfred Bieler scherzhaft einen neuen Friedrichshagener Dichterkreis, der seine Aufgabe laut der Gründungsschrift "in der Beförderung der schönen Literatur und des schönen Trinkens" sah. Schade nur, dass Bobrowski schon drei Jahre später, am 2. September 1965, im Alter von nur 47 Jahren starb; ein herber Verlust für die "Beförderung der schönen Literatur"!

08 November 2017

Der Mann, der für einen Knopf verkauft wurde • Die unglaubliche Geschichte des Jemmy Button

Meine Wertung

Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral

Dieses Motto aus der Dreigroschenoper von Bertolt Brecht, angewandt auf die naiven Zivilisationsbemühungen der Briten Anfang des 19. Jahrhunderts in Feuerland, wäre vermutlich erfolgversprechend gewesen. Statt dessen werden Jemmy Button und drei weitere Feuerland-Indianer nach Großbritannien verschleppt, um ihnen zunächst Religion, Kultur und Moral näherzubringen. Dies ist kein Bericht für Sozialromantiker, denn weder treten die Briten als Ausbeuter und Sklavenhalter auf, noch sind die Feuerland-Indianer harmlose, freundliche Wesen, die den Briten mit liebenswerter Neugier begegnen. Mit einer Expedition (1831-1836) unter der Führung von Robert FitzRoy, an der auch der damals 22-jährige Charles Darwin teilnahm, wird Jemmy Button nach Feuerland zurückverfrachtet. Aber es kommt, wie es kommen musste, denn ohne Fressen bleibt die Moral auf der Strecke. Diebische Feuerland-Indianer stehen völlig überforderten, in ihren religiösen Moralvorstellungen gefangenen Siedlern gegenüber, was dann verhängnisvoll zu Mord und Totschlag führte. Der minutiös recherchierte Bericht von Nick Hazlewood schildert gleichzeitig auch einen Kriminalfall und dessen Auswirkungen auf das britische Empire. Was die Lektüre so lohnenswert macht, ist die vorurteilsfreie und zugleich einfühlsame Herangehensweise des Autors an dieses schwierige Thema, das uns ZIVILISIERTE Westeuropäer alle angeht.

04 November 2017

Taking Farewell of "The Emigrants"

(Bucharest, 01.11.2017 - 03.11.2017) The Athénée Palace Hilton Bucharest hosted the Artmark Autumn Art Sale "100 Greatest Masters of Romanian Art", which took place on November 2nd, 2017. Incidentally, during the preliminary exhibition, the three auction winners formed a group round the same column in the hotel lobby. Three masterpieces from three different artist generations from three differnt backgrounds, but all together standing for the variety of Romanian art.

Foyer of the Athénée Palace Hilton Bucharest
Nicolae Grigorescu (1838-1907) • Peasant Woman with Headscarf [€ 50,000]
Max Herman Maxy (1895-1971) • Three Friends [€ 40,000]
Adrian Ghenie (1977-) • Firearm (Casemates) [€ 40,000]
"The Emigrants", Octav Băncilă's artwork, which I bought in Bucharest back in the 1990ies, at my place lived always in the shadow, so it's time to exhibit it to the public for a last time in the hope that "The Emigrants" will find a new home away from home.

Octav Băncilă (1872-1944) • The Emigrants [€ 7,000]
Keeping in mind that nearly a quarter of the artworks didn't get a winning bid, I'm pretty fine with the auction result.